Buchvorstellung in Kirchheimbolanden „Vom Fürsten Bismarck und seinem Haus

Ansichten des „eisernen Kanzlers“

KIRCHHEIMBOLANDEN. Am 1. April war der 200. Geburtstag des „eisernen Kanzlers“ Bismarck – Anlass für Klaus Kremb, Historiker und Politikwissenschaftler mit Lehrauftrag an der TU Kaiserslautern, zwei Bücher zu veröffentlichen: die Biografie „Otto von Bismarck: Politisches Denken“ sowie die Neuauflage der gesellschaftpolitisch aufschlussreichen Tagebuchblätter Eugen Wolfs „VomFürsten Bismarck und seinem Haus“. 

 

In der Reihe der Kirchheimbolander Museumsabende referierte Kremb vor kleinem Kreis über den ebenso streitbaren wie umstrittenen Machtpolitiker, der zweifellos zu den größten deutschen Staatsmännern zählt. „Bismarck: Das ist der Mensch in seinemWiderspruch; und jene, diemeinen, diesenWiderspruch auflösen zu können, werden sich immer über ihn streiten“, sagte GoloMann über ihn. Kremb greift in seinemBuch aussagestarke Texte aus Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen“ auf und spürt den Grundprinzipien des als „pommerscher Junker“ aufgewachsenen Adligen nach, die sich bereits in dessen Göttinger Studentenzeit abzeichnen. Angerissen blieben die drei großen Konzepte des 19. Jahrhunderts: Liberalismus, Konservativismus, Sozialismus. Letzteren bekämpfte der erzkonservative Preuße als gemeingefährlich, im „Kulturkampf“ legte er sich mit den Katholiken an. Parlamentarismus war für ihn zu ineffizient, politische Professionalisierung zog er vor – alsGutsherr, dann als Botschafter in St. Petersburg und in Paris, später alsMinisterpräsident. 

 

Mit Bismarcks Tod sah Wolf die hellsten, reichsten Tage seines eigenen Lebens vorüber.

Bismarck steht imMittelpunkt zweier Bücher, die Klaus Kremb herausgegeben hat Bei allem Machtstreben um die Führungsrolle Preußens blieb er der klassische Realpolitiker. Nach den Kriegen gegen Dänemark und Österreich zielte geschicktes Taktieren mit Bündnispartnern auf – allerdings labilen – Frieden. Aggressiv blieb er gegen Frankreich.Nach demSieg bei Sedan wurden Reichsgründung, Kaiserkrönung und Ernennung Bismarcks zum ersten deutschen Reichskanzler imSpiegelsaal von Versailles 1871 gefeiert. Das Ende deutscher Kleinstaaterei brachte wirtschaftlichen Aufschwung. „Es ist schwierig, unter einem solchen Kanzler Kaiser zu sein“, befandWilhelmI. Der jungeWilhelm II setzte 1890 den Steuermannwegen „unüberbrückbarer persönlicher und politischer“ Gegensätze ab. Kremb sprach die nationale Identitätsstiftung imKaiserreich an.Und eine besonders farbige Schilderung der Innenansicht dieser Epochemit lokalem Bezug fand er in den Aufzeichnungen Eugen Wolfs aus den Jahren 1885- 1899 (verfasst 1904), aus denen er Auszüge las.Wolf, 1850 in Kibo als Sohn des Kantonsarztes in der Neuen Allee geboren und damit privilegiertem Bürgertum angehörend, schrieb als Journalist u.a. einen Stadtführer durch den Luftkurort Kibo. Als Forschungsreisender durch Südamerika, Afrika, Indien und China widmete er sich insbesondere der Ethnologie, und er versorgte etliche deutsche Museen mit exotischen Exponaten. Auch er war eine „ambivalente“ Persönlichkeit – auf jeden Fall ein erklärter Kolonialist und rassistisch dem Zeitgeist verhaftet. 

 

Die erste Begegnung mit Bismarck 1885 im Sachsenwald bei Hamburg war eher zufällig, im Herbst schickte ihm Wolf „interessante Schaustücke und weitere Aufmerksamkeiten“. Ein gegenseitiges Geben und Nehmen entwickelte sich, der Weltreisende fühlte sich als Teil der Fürstenfamilie. Bismarck sagte ihm finanzielle Hilfe für eine Expedition zu und schlug ihm ein Konsulat vor. Allerdings teilte der Fürst nicht die kolonialistischen Ambitionen seinesGastes, dazuwar er zu sehr Realist. „Sein Afrika“,mit demer Politik machte, lag auf der europäischen Landkarte: im Osten Russland, im Westen Frankreich und Großbritannien, Deutschland dazwischen. 

Die Bismarckbewunderung Wolfs ging in Richtung Heiligenverehrung: „Die hellsten, die reichsten Tage meines Lebens liegen nun hinter mir“, schrieb er am16.März 1899. Das war am Tag der feierlichen .berführung der Särge von Fürst und Fürstin Bismarck nach ihrer dauernden Ruhestätte im Familienmausoleum in Friedrichsruh bei Hamburg. Ein weiteres „lokales i-Tüpfelchen“ setzte die Besucherin IngridMerz, die von ihrer Großmutter Katharina Jeckel vom Mühlbuscherhof bei Börrstatt berichtete: Als kleines Mädchen durfte sie dem umjubelten Reichsgründer die Schuhe putzen, als der am 6. August 1870 in den Krieg gegen Frankreich zog – nach Wörth, und von da nach Weißenburg und Gravelotte. Zu Beginn des Abends vermittelte ein Foto des Kiboer „Bismarck-Pavillons“, 1874 am Geißberg (unterhalb des Schillerhains) errichtet, anschauliches Zeitkolorit. Der Bau war eines der ersten Bismarck-Monumente in Deutschland und musste 1933 dem „Kriegerdenkmal“ weichen. Ein vom Kunstschmied Konrad Lawaldt 1904 gestaltetes eisernes Bismarck-Relief, üppigmit Eichenlaub dekoriert, steht im Museum als Musterexemplar jener Bismarckeuphorie. Über Bestrebungen und Schwierigkeiten, Preußen mit den süddeutschen Staaten zusammenwachsen zu lassen, hätte man dem Referenten noch lange zuhören mögen. Festzustehen scheint:Die Fehleinschätzung, „der Größte“ zu sein, führte in den 1. Weltkrieg und damit in die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Allerdings, schränkte Kremb ein,war diese nationalistische Überheblichkeit nicht auf Deutschland beschränkt.

 

Quelle: Rheinpfalz